Lektion 2


Wenn wir die vedische Schlußfolgerung, wie sie in der Bhagavadgita formuliert wird (antavanta ime dehah), akzeptieren, daß nämlich materielle Körper im Laufe der Zeit vergehen, während die Seele ewig ist, müssen wir uns immer daran erinnern, daß der Körper wie ein Kleidungsstück ist; und warum sollte man schon den Wechsel eines Kleidungsstückes beklagen? Im Vergleich zur ewigen Seele hat der materielle Körper keine wirkliche Existenz. Er ist so etwas wie ein Traum. Im Traum mögen wir uns am Himmel fliegen sehen, oder wir mögen als König auf einem Wagen sitzen, doch wenn wir aufwachen, erkennen wir, daß wir weder am Himmel fliegen noch auf einem Wagen sitzen. Die vedische Weisheit ermutigt zur Selbsterkenntnis auf der Grundlage der Nichtexistenz des materiellen Körpers.

In der Bhagavadgita wird gesagt "Der Herr ist im Innersten des Herzens eines jeden gegenwärtig". Auf diese Weise gewährt der Herr jedermann Schutz und gibt dem Lebewesen die verschiedenartigen Körper, die es genießen will. Alles geschieht im Auftrag der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Deshalb sollte man Geburt und Tod eines Lebewesens, die der Höchste Herr arrangiert hat, nicht beklagen.

Weiter sagt Krishna in der Bhagavadgita:

"Ich weile im Herzen eines jeden, und von Mir kommen Erinnerung, Wissen und Vergessen." (BG 5.15)

Man muß im Einklang mit der Anweisung des Herrn im Herzen handeln, doch weil die bedingte Seele unabhängig handeln will, gibt ihr der Herr die Möglichkeit dazu und läßt ihr die Reaktionen zukommen. Der Herr sagt "Gib alle anderen Pflichten auf und ergib dich einfach Mir." Demjenigen, der den Anweisungen der Höchsten Persönlichkeit Gottes nicht gehorcht, wird die Möglichkeit gegeben, sich in der materiellen Welt zu vergnügen. Der Herr hindert die bedingte Seele nicht daran, sondern bietet ihr vielmehr die Möglichkeit zu genießen, damit sie nach vielen, vielen Geburten (bahunam janmanam ante), durch Erfahrung gereift, versteht, daß Hingabe an die Lotosfüße Vasudevas die einzige Pflicht aller Lebewesen ist.


"Der Knabe wandte sich an die Frauen: 0h ihr schwachen Frauen! Nur durch den Willen des Höchsten Persönlichen Gottes, der nie verringert wird, wird die gesamte Welt erschaffen, erhalten und wieder vernichtet. Das ist das Urteil des vedischen Wissens. Die materielle Schöpfung, die aus dem Sichbewegenden und aus dem Sich-nicht-Bewegenden besteht, ist für Ihn genau wie ein Spielzeug. Da Er der Höchste Herr ist, ist Er in jeder Hinsicht in der Lage, zu zerstören und zu beschützen." (SB 7.2.39)

Die Königinnen könnten nun einwenden: "Wenn der Höchste Persönliche Gott unseren Ehemann schon im Mutterleib beschützte, warum hat Er ihn dann nicht auch jetzt beschützt?" Die Antwort auf diese Frage lautet: Man kann die Handlungsweise der Höchsten Persönlichkeit Gottes nicht in Zweifel stellen. Der Herr ist immer frei, und deshalb kann Er beschützen und kann auch vernichten. Er ist nicht unser Laufbursche; Er tut, was immer Er tun will. Deshalb ist Er der Höchste Herr. Der Herr erschafft die materielle Welt nicht auf irgend jemandes Bitte hin, und deshalb kann Er alles einfach durch Seinen Willen vernichten. Das ist Seine Überlegenheit. Jemand mag nun fragen: "Warum handelt Er so?" Die Antwort lautet, daß Er so handeln kann, weil Er der Höchste ist. Niemand kann Seine Handlungsweise anzweifeln. Wenn jemand fragt, welchen Zweck diese sündvolle Schöpfung und Vernichtung habe, ist zu antworten, daß Er alles Erdenkliche tun kann, um Seine Allmacht unter Beweis zu stellen, und niemandem dafür Rechenschaft schuldig ist. Wenn Er Sich vor uns verantworten müßte, warum Er etwas tut oder nicht tut, wäre Seine Souveränität nicht unumschränkt.


"Manchmal verliert jemand auf einer öffentlichen Straße Geld, wo es jedermann sehen kann, und trotzdem wird es vom Schicksal beschützt und niemand findet es. So kommt der Mann, der es verloren hat, wieder zu seinem Geld. Andererseits geht sogar Geld, das man sehr sorgsam zu Hause aufbewahrt, verloren, wenn der Herr Seinen Schutz nicht gewährt. Wenn der Höchste Herr einen Menschen beschützt, bleibt dieser am Leben, selbst wenn er sich ohne Beschützer im Dschungel befindet, während manchmal ein Mensch, der, wohlbehütet von seinen Verwandten und anderen, zu Hause weilt, stirbt, ohne daß irgend jemand ihn davor bewahren könnte." (SB 7.2.40)

Dies sind Beispiele für die unbeschränkte Macht des Herrn. Während unsere Pläne nicht aufgehen, wenn wir etwas beschützen oder vernichten wollen, wird alles, was der Herr zu tun gedenkt, verwirklicht. Die Beispiele, die hier angeführt werden, sind lebensnah. Jedermann hat schon solche Erfahrungen gemacht, und es gibt auch noch viele andere anschauliche Beispiele. Prahlada Maharaja sagte zum Beispiel, daß ein Kind zweifelsohne von Vater und Mutter abhängig ist, aber dennoch in ihrer Anwesenheit auf vielerlei Art geplagt werden kann. Manchmal überlebt ein Patient nicht, obwohl er hervorragende Medikamente bekommt und von einem erfahrenen Arzt behandelt wird. Da alles vom freien Willen der Höchsten Persönlichkeit Gottes abhängt, besteht unsere einzige Pflicht deshalb darin, uns Ihm zu ergeben und bei Ihm Schutz zu suchen.


"Jede bedingte Seele erhält je nach ihren Werken eine andere Art von Körper, und wenn die Zeit abgelaufen ist, wird der Körper zerstört. Obwohl sich die spirituelle Seele in verschiedenen Formen des Lebens in feinstofflichen und grobstofflichen materiellen Körpern befindet, wird sie von ihnen nicht gebunden, denn sie ist immer von völlig anderer Natur als der manifestierte Körper."
(SB 7.2.41)


Hier wird sehr deutlich erklärt, daß Gott nicht dafür verantwortlich zu machen ist, wenn das Lebewesen verschiedene Arten von Körpern annimmt. Man muß den Körper annehmen, der einem aufgrund der Naturgesetze und des eigenen Karma gegeben wird. Die Veden schreiben deshalb vor, man solle einem Menschen, der materiellen Tätigkeiten nachgeht, Anleitungen geben, wie er seine Handlungen auf intelligente Art und Weise in den Dienst des Herrn stellen kann, um aus der materiellen Gefangenschaft der Wiederholung von Geburt und Tod befreit zu werden (svakarmata tam abhyarcya siddhirfz vindati manavab). Der Herr ist immer bereit, Anweisungen zu geben. Seine Anweisungen sind in der Bhagavadgita ausführlich wiedergegeben. Wenn wir diese Anweisungen nützen, werden wir - trotz des Umstandes, daß wir von den Gesetzen der materiellen Natur bedingt sind - frei werden und unsere wesenseigene Position wiedererlangen.

Wir sollten fest darauf vertrauen, daß der Herr der Höchste ist und daß Er die Verantwortung für uns übernimmt, wenn wir uns Ihm ergeben, und daß Er uns zeigen wird, wie wir aus dem materiellen Leben freikommen und nach Hause, zu Gott, zurückkehren können. Wenn man sich nicht ergibt, wird man gezwungen, entsprechend seinem Karma eine bestimmte Art von Körper anzunehmen, manchmal als Tier, manchmal als Halbgott usw. . Obwohl man den Körper erhält und ihn zu gegebener Zeit wieder verliert, vermischt sich die spirituelle Seele nicht wirklich mit ihm, wird aber von den jeweiligen Erscheinungsweisen der Natur unterjocht, mit denen sie aufgrund ihres sündhaften Lebenswandels in Kontakt kommt. Spirituelle Erziehung verändert das Bewußtsein dahingehend, daß man einfach die Anweisung des Höchsten Herrn ausführt und so vom Einfluß der Erscheinungsweisen der materiellen Natur frei wird.


(BG) Bhagavadgita Kapitel 5, Karma-Yoga | 29 Verse
Handeln und Entsagung in Krishna-Bewußtsein